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Archiv der deutschen Frauenbewegung:

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Alte Protokolle und moderne Technik – ein Werkstattbericht

Zu den größten Schätzen, die im Archiv der deutschen Frauenbewegung (AddF) in Kassel liegen, gehören die Protokolle des Deutschen Evangelischen Frauenbundes, in denen seit 1899 unter anderem die Bundesvorstandssitzungen festgehalten wurden. Bis 1950 wurden diese noch per Hand mehr oder weniger ordentlich in Protokollbücher geschrieben, erst ab 1908 gab es offensichtlich eine Schreibmaschine, Ergänzungen wurden damit geschrieben und einge­klebt und immer öfter wurden Protokollauszüge abge­tippt; insgesamt geht es hier um 41 Protokollbücher bzw. -ordner. Die Protokolle der Generalversammlun­gen wurden sogar bis Anfang der 1960er Jahre hand­schriftlich geführt und füllen von 1902 bis 1962 drei dicke Bücher.

Für Forscherinnen und Forscher sind das natürlich hochinteressante Unterlagen. Im AddF wurde deshalb entschieden, sie zu digitalisieren. Seit Herbst 2016 fördert das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) die Entwicklung eines Digitalen Deutschen Frauenarchivs (DDF, weitere Infos unter www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de) und finanziert Digitalisierungs- und Erschließungsprojekte. In diesem Rahmen erhält auch das AddF für drei Jahre eine Förderung zur Digitalisierung ausgewählter Do­kumente. Dafür haben wir neben Büchern, Broschüren und Zeitschriften auch Autographen wichtiger Prota­gonistinnen der Frauenbewegung und eben die Protokolle des DEF, und zwar die des Vorstandes von 1899 bis 1950 und die der Generalversammlungen von 1901 bis 1962, ausgewählt.

Wie muss man sich das nun vorstellen? Einfach auf den Scanner legen und Start drücken? Ganz so ein­fach ist es natürlich nicht. Die Deutsche Forschungs­gemeinschaft (DFG) hat Richtlinien zur Digitalisierung publiziert, an die sich wissenschaftliche Einrichtungen im Interesse einer qualitativ anspruchsvollen und dauerhaft nutzbaren Digitalisierung zu halten haben. Da muss vieles beachtet werden, und es ist auch durchaus eine technische Herausforderung. Der größte Teil der Unterlagen wird deshalb im AddF detailliert vorbereitet und dann einem Dienstleister übergeben, der auf die Digitalisierung sensibler Expo­nate aus Archiven spezialisiert ist. Denn das Papier ist oft säurehaltig und durch die Alterung entsprechend brüchig geworden, an den Kanten eingerissen, Metall­klammern haben Rostschäden hinterlassen. Manches muss zunächst eine Behandlung durch eine Restaura­torin erfahren, um beim Digitalisierungsprozess nicht beschädigt zu werden. Eine weitere Herausforderung ist die Reihenfolge, denn es ist keineswegs so, dass immer eine Seite auf die nächste folgt. Gerade in den Protokollbüchern wurden oft Ergänzungen auf kleineren oder größeren Zetteln dazwischen geklebt oder - noch schwieriger - lose eingelegt. Da gilt es herauszufinden, ob sie noch an der richtigen Stelle liegen oder im Laufe der Jahrzehnte auch schon mal herausfielen und am falschen Ort wieder eingelegt wurden. Um das zu überprüfen, muss man nicht nur Sütterlin beherrschen, sondern auch ein Talent zur Entzifferung von Handschriften entwickeln. Wenn es gelingt, alle Zuordnungen zu verifizieren, wird mit zarten Bleistiftzahlen paginiert, damit die Reihenfolge für die Digitalisierung eindeutig ist. Um nachvollzieh­bar zu machen, von welchem Arbeitsumfang wir hier sprechen: Bei den Vorstandsprotokollen geht es um einen Gesamtumfang von 9.942 Seiten, bei den Generalversammlungen um 802 Seiten.

Schließlich ist noch zu klären, ob es juristische Beden­ken dagegen gibt, die Protokolle zur Recherche im Internet zur Verfügung zu stellen. Dabei wird vor allem geprüft, ob Persönlichkeitsrechte verletzt werden könnten. Grob gesagt, rechnet man dabei etwa 100 Jahre zurück, also können wir auf jeden Fall die Proto­kolle 1899 bis 1918 online stellen, alle anderen wären aber zumindest schon einmal für die Langzeitarchivie­rung digital gesichert und würden dann sukzessive publiziert. Hier ist aber die endgültige Entscheidung noch nicht gefallen, vielleicht ist doch schon früher etwas mehr möglich.

Das DDF wird am 13. September 2018 mit den ersten Digitalisaten aus verschiedenen Archiven online gehen. Auch das AddF wird dabei mit Exponaten vertreten sein, aber leider noch nicht mit den DEF-Protokollen. Wir rechnen damit, dass wir für diesen Digitalisierungs­prozess noch bis Ende des Jahres brauchen werden – und dann geht's 2019 ab ins Netz!

Cornelia Wenzel,
Archiv der deutschen Frauenbewegung (AddF)

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Protokollbuch DEF