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Missbrauchsstudie der EKD – ein Kommentar

|   Aktuelles

von Inge Gehlert, Verwaltungsratsvorsitzende des DEF-Landesverbands Bayern und Mitglied des Bundesvorstandes

Sicherlich waren Sie über das Ausmaß an sexuellem Missbrauch in der evangelischen Kirche entsetzt. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat lange gezögert, eine Studie in Auftrag zu geben, obwohl ihr bekannt war, dass es eine große Anzahl von Fällen gab.

Ich war 25 Jahre, bis 2014, Beisitzerin in der Disziplinarkammer der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und wir hatten immer wieder Opfer von sexuellem Missbrauch vor uns. Diese Menschen hatten häufig einen langen, steinigen Weg hinter sich, bis ihr Fall endlich verhandelt wurde. Dabei war uns bewusst, dass wir nur die Spitze des Eisbergs sahen. Wir hatten das ungute Gefühl, dass Vieles vertuscht wurde. Es gelangte nicht auf den Tisch der Vorgesetzten oder wurde kleingeredet, sodass gar keine Disziplinarakten angelegt wurden. Oft hatte man den Eindruck, dass der Kirche nicht so sehr an der Aufklärung der Fälle gelegen war. Denn diese Missbrauchsfälle beschädigen das Ansehen der Kirche, wenn die Öffentlichkeit davon erfährt. So die Meinung der Verantwortlichen in beiden großen Kirchen. Der Schaden heute ist aber nochmals größer, weil viele Kirchenmitglieder den Eindruck haben, dass die Kirchen bewusst sexuellen Missbrauch vertuscht und verschleiert haben und nicht von sich aus aktiv geworden sind, den Opfern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Wenn jetzt nur die Disziplinarakten vorgelegt wurden, so bleibt eine große Dunkelziffer, die unbedingt erhellt werden muss.

Daher liegt noch eine große Aufgabe vor den Landeskirchen, wirklich alle Personalakten zu überprüfen, ob nicht weitere Täter und Täterinnen und auch Opfer zu finden sind.

Jeder Mensch, der sexuellen Missbrauch erfahren hat, ist einer zu viel.

Viele Eltern fragen sich, kann ich mein Kind noch auf Jugend- oder Konfirmandenfreizeiten mitschicken? Und entscheiden sich dann dagegen. Das ist schade, denn auf diesen Freizeiten werden, trotz allem, vor allem positive Erfahrungen gemacht. Die Gemeinschaft in diesem Alter ist wichtig, das gemeinsame Erleben und der Austausch über den Glauben können für das weitere Leben wichtige Erkenntnisse beinhalten.

Wenn die Kirche noch eine Zukunft haben will, so muss sie an der Aufarbeitung größtes Interesse haben und die Opfer anhören, sie ernst nehmen und alles tun, damit Missbrauch nicht wieder geschieht. Dieser Respekt gegenüber den Opfern wird noch immer von vielen vermisst. Sie werden als Bittsteller, schlimmer noch, als Querulanten behandelt, die das Bild der „guten Kirche“ beschädigen. Es wird die Kirchen noch viel Überzeugungsarbeit kosten, von dem Bild der Kirche, die die Täter schützt, wegzukommen, zu einer Kirche, die den Betroffenen hilft und die Täter zwingt, sich ihrer Verantwortung zu stellen.  

Es ist wichtig, dass die Kirche Schutzkonzepte entwickelt, um Missbrauch so weit wie möglich zu verhindern. Dazu müssen die Betroffenen gehört werden, was in ihren Augen die Taten möglich gemacht hat. Nur so können wirksame Gegenmaßnahmen entwickelt werden. In vielen Köpfen spukt noch immer das Bild des „Pfarrherrn“ der auf einen Sockel gestellt wird und als unantastbar gilt. Von diesem Sockel muss er gestürzt werden, denn er ist ein Mensch wie jedes andere Kirchenmitglied, der eine spezielle Ausbildung hat, dem aber auch widersprochen werden darf und muss.

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