Skip to main content

Zu Fuß bis ans Ende der Welt

|   Aktuelles

3000 Kilometer unterwegs auf dem Jakobsweg

Am Anfang wuchs und reifte der Traum in mir. Schon lange bevor das Buch von Hape Kerkeling „Ich bin dann mal weg“ erschien, begann ich zu träumen: Ich wollte von zu Hause aus auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela pilgern. Als dann die Kinder groß genug waren, reifte der Entschluss: Ich will es wagen. Neben der gedanklichen stand die praktische Vorbereitung an: Literatur, Karten besorgen, den Pilgerpass beantragen, Übernachtungsmöglichkeiten erkunden und die große Frage, was nehme ich mit, bzw. was nehme ich nicht mit? Eine ganz wichtige Erkenntnis und Erfahrung, die ich auf meinem Pilger­weg gemacht habe, zu lernen, sich auf das Wesent­liche zu konzentrieren und Ballast abzuwerfen. Und dann, aufbrechen und den Alltag verlassen.

Einige Daten zu meinem Pilgerweg: Ich legte die ca. 3000 km in Etappen in 7 Jahren zurück und war ins­gesamt 120 Tage zu Fuß unterwegs. Mein Weg be­gann zu Hause in der Nähe der tschechischen Grenze, führte mich durch Deutschland, die Schweiz, Frank­reich und Spanien bis Santiago bzw. Finisterre ans „Ende der Welt“. Auf der letzten Etappe begleitete mich 3 Wochen lang meine ältere Tochter Eva. Den Rest pilgerte ich alleine.

Das war auch die am häufigsten an mich gestellte Frage: „Was, Sie gehen ganz alleine?“ und „Haben Sie keine Angst?“. Alleine gehen war für mich ganz wichtig, um mich vom Alltagstrott zu lösen, der begann, mich zu vereinnahmen. Beruf, Familie, Ehrenämter, irgend­wann hatte ich kaum mehr Zeit für mich selbst. Zeit zum Träumen, Zeit für neue Ideen, Zeit sich Gedan­ken zu machen, Zeit für den Glauben. Zur zweiten Frage: In all den Jahren auf dem Jakobsweg gab es nie eine Situation, in der ich Angst hatte. Einsam habe ich mich selten gefühlt, wenn, dann meist in Menschenmassen. Ich habe auch festgestellt, Ängste und Sorgen konnte ich nicht so einfach zurücklassen. Das, was die Seele belastet, geht mit. Aber auf dem Weg ist mir vieles bewusst geworden: Das befreit und richtet auf. Befreit vom Alltagstrott lernte ich wieder, genau auf mich zu hören. Was tut mir gut? Was will ich? Auf dem Weg ist es ganz wichtig, zu lernen, auf den eigenen Körper zu hören. Wo ist meine Grenze? Was brauche ich gerade? Auf dem Jakobsweg rücken Grundbedürfnisse wie Essen, Trinken, Verdauung, Duschen und Schlafen in den Vordergrund. Ich habe auf meinem Weg nie genau alles festgelegt. Wie viel ich am Tag ging, wollte ich je nach Verfassung und vom Moment abhängig machen. Ich habe entgegen den Ratschlägen in den Büchern nur selten vorher Übernachtungsplätze reserviert. Und ich hatte Glück, ich fand immer ein Quartier. Erstaunlicherweise lernte ich aber auch, dass die eigene Grenze oft viel später kam, als ich dachte. Mein Körper war belastbarer, als ich es mir vorher vorstellte. 

Ein Spruch auf einem Pilgerweg im zweiten Jahr lautete: „Begegnung ist Leben“. In all den Jahren auf dem Jakobsweg kam es zu unzähligen Begegnungen mit Menschen aus aller Welt. Manche davon waren flüchtig, manche sehr intensiv, manche sehr informa­tiv und manche auch mal etwas unangenehm. Manch­mal traf man sich öfters, manchmal traf man sich nur einmal, aber diese Begegnung war so fruchtbar, dass ich sie auch heute noch nicht vergessen habe. 

Für mich sehr intensiv in all den Jahren auf dem Jakobsweg war die Freude über Gottes Schöpfung. Ich hatte so oft Gelegenheit, Gottes wunderschöne Natur und tolle Landschaften bestaunen und bewun­dern zu dürfen. Das war stets pure Freude und Erho­lung. Ich hatte das große Glück in all den Jahren, meist Sonne genießen zu dürfen. Ich hatte selten ex­treme Hitze (obwohl ich immer im August in den großen Ferien pilgerte) und auch ganz wenige Re­gentage. Dabei nahm ich mich auch sehr intensiv selbst als Geschöpf Gottes wahr. Dies zu erfahren, gab mir großes Vertrauen. Es half mir loszulassen, sich nicht über alles Gedanken und Sorgen machen zu müssen. Es macht gelassener, was sich auch stark auf meinen Alltag wieder zu Hause auswirkte.

Ulrike Kießling, Vohenstrauß

 

 

Wir möchten die Autorin auch vorstellen:

Ulrike Kießling – Jahrgang 1959 – ist verheiratet, hat zwei erwachsene Töchter und lebt in Vohenstrauß. Sie arbeitet als Studienrätin im Förderschuldienst in einer Diagnose- und Förderklasse und ist in ihrer ohnehin knappen Freizeit vielfältig ehramtlich tätig:

Frau Kießling leitet seit vielen Jahren den Kirchenchor und den Chor Vivace und hat das verantwortungsvolle Amt der Vertrauensfrau des Kirchenvorstands der Ev.-Luth. Kirchen­gemeinde Vohenstrauß inne.

Darüber hinaus ist sie die 1. Vorsitzende des Philipp-Neri-Werkes – dem Förderverein für Kinder mit Förderbedürf­nissen und Entwicklungsverzögerungen im Vorschulalter. Und seit einigen Monaten engagiert sie sich auch als Stadt­rätin.

Und ab und zu ist auch noch etwas Zeit für ein Hobby: Wandern, Radfahren, Volleyball und Musik.

Zurück
Pilgerin auf dem Jakobsweg
zwei Pilgerinnen